Familiäres Geschwätz

„Ich habe es gut, ich kann aus den Archiven Europas und den USA die Fleischfetzen Deines Lebens zusammenklauben, kann sie, unbehelligt vom lügenhaften familiären Geschwätz, beäugen.“

Die Gründe, Familienforschung zu betreiben, können sehr unterschiedlich sein. Aber immer geht es um die Suche nach verlorengegangenem Wissen über die eigenen Vorfahren und damit auch immer um Fragen nach der eigenen Herkunft, die das eigene Leben zu einem wesentlichen Stück mitprägt.

Häufig sollen Brüche in der Familienbiographie überwunden oder Leerstellen in der Familienüberlieferung geschlossen werden. Oder es geht, anstelle um die Suche nach Kontinuität, um Abgrenzung und um eine verzweifelte Suche nach einer Befreiung von alten Lasten und Schuld.

Ein deutsches Monster

Die radikalste Arbeit dieser Art hat vermutlich der Journalist Niklas Frank betrieben mit seinem 1987 erschienenen Buch „Der Vater. Eine Abrechnung“. Die Hauptfigur dieser grotesken, zynischen und traurigen Anklageschrift war ein „typisches deutsches Monster“, der „Schlächter von Polen“, Hitlers Generalgouverneur in dem überfallenen und terrorisierten Land, Hans Frank. Der Sohn (geb. 1939) hat sich jahrelang wie besessen mit dessen Leben und Verbrechen befasst. Anders als vielen anderen Familienforschenden standen ihm dabei neben eigenen Kindheitserinnerungen dank der zweifelhaften Prominenz des Nazi-Gewinnlers zahlreiche Schrift- und Bildquellen zur Verfügung, Briefe, amtliche und private Tagebücher, bis hin zu den Akten der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse.

 

Niklas Frank: Der Vater (Buchcover)

 Das ganze Buch ist eine einzige Anrede, Anklage: „Das war Dein Leben: Korruption“. Vaterliebe: Fehl am Platze. Der Vater ist ein „schwaches, eitles, charakterloses Bürschchen, also mit den richtigen Karriere-Eigenschaften“. Ein egoistisches, prunksüchtiges und um sich vögelndes Arschloch. Diese pubertäre, angeekelte Sprache zieht sich durch das gesamte Buch. Situationen oder Dialoge, die nicht vollständig schriftlich dokumentiert sind, malt der Sohn dabei mit eigenen Worten aus. Das mag nicht im strengen Sinne historisch sein, wirkt aber stets stimmig. Denn es geht nicht primär darum, wie es war, sondern darum, wie der Sohn sich ein Bild von dem Vater macht. Tagebuchaufzeichnungen werden dann etwa so kommentiert: „Bis in die letzte, tiefste Faser meines Ichs gehöre ich dem Führer und seiner herrlichen Bewegung. In tausend Jahren wird es von allen Deutschen nicht anders klingen (Voll daneben, Vater!).“

Der Galgen

Das Leben des Vaters endete 1946 mit dem Todesurteil und der Hinrichtung am Galgen. Aber es ging dennoch weiter, und zwar in Form des „Galgens“. So wurde verkürzt die Rechtfertigungsschrift mit dem Titel „Im Angesicht des Galgens“ genannt, die Frank (der Vater) im Gefängnis verfasst und die seine Witwe Brigitte (in der Darstellung des Sohnes noch korrupter und raffgieriger als ihr Mann) nach dessen Tod im Selbstverlag publiziert und mit großen Erfolg verkauft hatte.

Zu der Abrechnung mit dem Vater kommt in dem Buch (des Sohnes) noch diese zweite Ebene hinzu: die in der jungen Bundesrepublik verbreiteten nostalgischen Erinnerungen an die Zeit des Generalgouvernements, die fehlende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen nach 1945. Auch in späteren Büchern hat sich Niklas Frank mit diesem Thema befasst, einer weiteren Familien-Abrechnung mit der „Königin von Polen“ („Meine deutsche Mutter“, 2005) und einer Kompilation von Entnazifizierungsakten („Dunkle Seele, feiges Maul. Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen“, 2016).

In Franks Abrechnung mit dem Vater klingt das so: „Das Knacken Deines Genicks ersparte mir ein verkorkstes Leben, wie hättest Du mir mit Deinem Gewäsch das Gehirn vergiftet. Wie der schweigenden Mehrheit meiner Generation, die nicht das Glück hatte, den Vater gehenkt zu bekommen.“

Familienforschung als Heilung?

Ob und in welchem Ausmaß diese Radikalität dem Sohn geholfen hat, die Verbrechen des Vaters und die eigene familiäre Herkunft zu verarbeiten, weiß ich nicht. Aber das Buch zeigt mir, dass es immer Ziel sein sollte, überlieferte Familienerzählungen zu überprüfen und zu hinterfragen, das Schweigen zu überwinden und aus den gewonnenen Erkenntnissen – wie erschreckend und schmerzlich sie auch sein mögen – die für das eigene Leben und Wohlbefinden richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich kann das Buch daher – auch unabhängig von der in ihm erzählten Geschichte von nationalsozialistischer Schuldenlast – allen Familienforschenden nur empfehlen.